Naturwälder

Urwälder in Österreich? Gibt es das noch? Weniger als ein Prozent unserer Wälder sind noch in einem sehr naturnahen Zustand. Diese Wälder wurden kaum oder schon lange nicht mehr genutzt und geben eine Ahnung, wie unsere „echten Wälder“ aussehen. Derlei Naturwälder bieten Lebensraum für eine Vielzahl an bedrohten und streng geschützten Arten. Einige der bedeutendsten Naturwaldjuwelen Österreichs finden sich im mittleren Kamptal im südlichen Waldviertel…

Die meisten unserer  noch verbliebenen ursprünglichen Wälder gibt es in den Alpen – dank ihrer schlechten Erreichbarkeit und ihres geringen materiellen Wertes.
Am bekanntesten ist der Urwald Rothwald (bei Lunz am See) – der größte Urwald in Mitteleuropa. Hier kann die Schöpfung noch ungestört walten: Bäume dürfen alt werden, Totholz bietet Lebensraum und Nahrung für eine große Vielfalt an Lebewesen, seltene Arten finden letzte Überlebensräume…

Die Bewahrung dieser allerletzten Ur- und Naturwälder ist auch von enormer Bedeutung für die Wissenschaft: die natürlichen Veränderungs- und Anpassungsprozesse in unseren Waldökosystemen können nur in jenen Wäldern erforscht werden, die seit ihrer Entstehung nicht oder kaum beeinflusst wurden. Die Erkenntnisse daraus kommen auch der Forstwirtschaft zugute, die zusehends vom Klimawandel getroffen wird.
Ein Teil der Naturwälder Österreichs wird im Rahmen des Naturwaldreservate-Programms geschützt, andere befinden sich in Nationalparks, Naturschutzgebieten oder Biopshärenparks. Wo es weitere wertvolle Naturwälder abseits dieser Reservate und Schutzgebiete gibt, wurde aber bislang noch nicht systematisch erhoben.

Wertvollste Naturwälder im Waldviertel

Außerhalb der Alpen finden sich nur mehr  wenige dieser uralten, märchenhaften Waldgebiete. Die bedeutendsten Naturwald-Standorte im Norden Österreichs befinden sich im mittleren Kamptal, im Kremstal, in der Wachau und im Thayatal. Letzteres steht teilweise als Nationalpark unter  Schutz.
Die wertvollen Wälder im mittleren Kamp- und im Kremstal sind seit 1998 zwar Teil des Natura 2000-Gebietes „Kamp- und Kremstal“, dauerhaft gesichert sind diese sehr wertvollen Bestände aber bis heute leider nicht.

Wilder Buchen- und Eichenwald im mittleren Kamptal: Wälder dieser Qualität muss man in Europa schon fast mit der Lupe suchen…
Zauberwälder und Natura 2000…

Das EU-weite Natura 2000 Schutzprogramm – bestehend aus der Habitat– und der Vogelschutzrichtlinie – will ökologische Ressourcennutzung und Erhaltung von „Schutzgütern“ (wie naturnahen Wäldern und bedrohten Arten) unter einen Hut bringen.

Es verpflichtet die Mitgliedsstaaten dazu, wertvolle Lebensräume und Arten in einem guten Erhaltungszustand zu bewahren bzw. deren guten Erhaltungszustand wiederherzustellen.

Dies bedeutet nicht automatisch, dass diese Schutzgebiete nicht mehr wirtschaftlich genutzt werden dürfen. Die Bewirtschaftung hat so zu erfolgen, dass der Erhaltungszustand der dort vorkommenden Schutzgüter durch die Nutzung nicht verschlechtert wird.

Besteht ein Risiko, dass Nutzungen zu Verschlechterungen für die gelisteten Tiere, Pflanzen oder Lebensräumen führen, muss eine „Naturverträglichkeitsprüfung“ durchgeführt werden. Dabei wird untersucht, ob sich die Nutzungen negativ auf den Erhaltungszustand der geschützten Lebensräume und/oder Arten auswirken oder nicht.

Ein wichtiges Instrument, um Klarheit über Nutzungen und notwendige Schutzmaßnahmen zu schaffen, sind Managementpläne. Darin sollten die geschützten Arten und Lebensräume in ihren Ansprüchen beschrieben und im Schutzgebiet verortet werden. Maßnahmen zu ihrem Erhalt bzw. zur Verbesserung ihrer Vorkommen sind ebenso vorgesehen. Mithilfe von Managementplänen können Grundeigentümer besser erkennen, ob Nutzungen mit den Schutzzielen vereinbar sind oder nicht. Das trägt auch zur Vermeidung von Konflikten bei.

Soweit die Theorie. Für das Natura 2000-Gebiet „Kamp- und Kremstal“ (wie auch für die meisten anderen dieser Europaschutzgebiete in NÖ) gibt es keinen detaillierten Managementplan – obwohl diese Schutzgebiete seit 1997 existieren. Das führt zu Unklarheiten und Befürchtungen bei vielen Grundbesitzern. „Natura 2000“ ist zum polarisierenden Reizwort geworden. Besonders groß sind die Unsicherheiten im Forstsektor: mangels detaillierter Kartierungen von geschützten Wald-Lebensräumen und von Vorkommen geschützter Arten ist die Umsetzung der Schutzziele von Natura 2000 derzeit de facto kaum möglich.
Im Bereich Forstwirtschaft wurden in Niederösterreich bis heute außerdem keinerlei Naturverträglichkeitsprüfungen durchgeführt…

Wälder mit „Urwaldcharakter“ im mittleren Kamptal
Urwaldartiger Eichenwald: in Österreich nahezu ausgestorben…

Im mittleren Kamp- und Kremstal wachsen noch veritable Zauberwälder: alte Eichen-, Buchen- und Linden-Ahorn-Schluchtwälder, die alle ein wenig aussehen wie in einem Fantasyfilm. Laut Natura 2000 Datenblatt weisen sie teilweise sogar „Urwaldcharakter“ auf – eine absolute Rarität in Österreich. Manche der ehrwürdigen Buchen-, Eichen-, Ahorn- oder Tannen-Individuen sind mehrere Jahrhunderte alt. Diese Wälder sind ungleichaltrig aufgebaut und bestehen aus unterschiedlichen, an die jeweiligen Standorte angepasste Baumarten.

Liegendes und stehendes Totholz sorgt für eine außergewöhnliche große Artenvielfalt. Im Kamptal leben viele seltene Totholzkäfer, Fledermäuse, Käuze oder Spechte.

Auch die Böden sind voller Leben und speichern große Mengen Kohlenstoff. Die Wurzel-Pilz-Netzwerke im Boden sind intakt. Diese naturnahen Wälder weisen daher eine sehr hohe ökologische Beständigkeit bzw. Anpassungsfähigkeit auf.

Vorbildlicher ÖBF-Waldmanagementplan im Kremstal

Im Raum Senftenberg haben die Österreichischen Bundesforste (ÖBF) ihre Waldbestände hinsichtlich wertvoller Naturwaldbestände und seltener Arten untersucht und einen „Waldmanagementplan“ entwickelt.  Die Ergebnisse der Biotop-Kartierung haben selbst Fachleute überrascht: Es fanden sich etliche extrem seltene und streng geschützte „Urwaldanzeiger-Arten“ wie Bechstein-Fledermaus, „Veilchenblauer Wurzelhalsschnellkäfer“ oder Eremit (auch Juchtenkäfer genannt).

Das Kremstal „stellt damit eine der artenreichsten Regionen Österreichs dar, kein anderes Europaschutzgebiet beherbergt mehr dieser seltenen und teils hochgradig gefährdeten Fledermaus- und Käferarten. In den oft mehrere hundert Jahre alten Eichen- und Buchenwäldern, zahlreiche davon auf ÖBF-Flächen, finden die Tiere ideale Lebensraum- und Rückzugsbedingungen vor. Sie leben bevorzugt in Urwald-artigen Wäldern, alten Bäumen und großen Baumhöhlen, die sie oft ihr Leben lang nicht verlassen,“ erklären die Bundesforste. Die wertvollsten, sehr naturnahen Waldflächen im Natura 2000 Gebiet im Kremstal werden von den ÖBF daher freiwillig nicht genutzt. Die Bewirtschaftung auf den restlichen Flächen nimmt auf die geschützten Arten Rücksicht, etwa indem ausreichend alte „Biotopbäume“ im Wald belassen werden. Damit werden auch (gesetzlichen) Natura 2000 Ziele umgesetzt.

Naturwälder im Kamptal: ungewisse Zukunft…

Für die Naturwälder im benachbarten Kamptal liegen leider keine derartigen Forschungsarbeiten vor. Dabei sind sie teilweise potenziell noch ursprünglicher – und größer. Daher besteht der dringende Verdacht, dass diese streng geschützten Arten im Kamptal ebenfalls in großer Zahl beheimatet sind.

Studienautor Martin Pollheimer betont: „Die Eichenwälder an den Einhängen des Kamp und der Krems sind von herausragender Bedeutung für anspruchsvolle (Ur)Waldfledermäuse: manche Bestände werden seit mehreren hundert Jahren nicht oder nur äußerst extensiv forstlich bewirtschaftet und bieten mit ihrem reichen Höhlen- und Spaltenangebot neben der seltenen Bechsteinfledermaus auch der Mops- sowie der Nymphenfledermaus Lebensraum.“ Auch deshalb wäre „die Umsetzung eines naturschutzfachlich nachhaltigen Waldbewirtschaftungsplans im Kamptal dringend wünschenswert.“

Die Hangwälder im Kamp- und Kremstal geben einen Eindruck davon, wie große Teile des Waldviertels wohl ausgesehen haben, bevor die Wälder gerodet und durch Felder, Wiesen bzw. Nadelholz-Aufforstungen ersetzt wurden…

 

„Schlucht-Hangwald“ im Kamptal: diese sehr seltenen Lebensräume mit Linden, Ahorn und Tannen sind in der EU (theoretisch) „prioritär“ geschützt…
Genaue Kartierung der Naturwälder ist überfällig

Wo sich diese besonders wertvollen Wälder befinden, ist aber derzeit nicht genau bekannt. Welche Tiere und Pflanzen und in welchen Populationsgrößen dort Lebensraum und Heimat finden, lässt sich nur erahnen. Es wurde nämlich noch keine ausreichend detaillierte Kartierung erstellt. Ein vager „Managementplan“ verweist darauf, dass mit den Grundbesitzern Lösungen in Form von „Vertragsnaturschutzmaßnahmen“ auszuarbeiten seien. Doch das ist bisher nur zu einem sehr geringen Teil geschehen. Mögliche forstliche Einschläge sind daher eine beständig drohende  Gefahr für diese sehr wertvollen Wälder.

2015 wurde ein sehr alter Buchen- und Lindenmischwald im mittleren Kamptal abgeholzt: auf einer Fläche von zwei Hektar wurden alle größeren Bäume „geräumt“, darunter jahrhundertealte Methusalem-Bäume.

Es braucht daher dringend genauere Kartierungen der Arten und Lebensräume sowie ihres Erhaltungszustandes, um wertvolle Habitate und Vorkommen geschützter Arten zu sichern und Verschlechterungen zu vermeiden.

Und: ohne tragfähige (finanzielle) Vereinbarungen mit betroffenen Grundbesitzern ist die Einhaltung eines „guten Erhaltungszustandes“ der ökologisch wertvollsten Flächen nicht möglich.

Das alles gilt natürlich nicht nur im Kamptal.

Da diese Lösungen aber nach wie vor auf sich warten lassen, sind Konflikte zu befürchten. Wenn keine Naturverträglichkeitsprüfungen durchgeführt werden, so entsteht ein rechtlich unklarer Zustand. Am Ende könnte es zu Klagen und EU-Beschwerden kommen…

Habitat- und Vogelschutzrichtlinien: EUGH-Urteil im Fall Bialowieza verbietet Abholzung von artenreichen Naturwäldern

Viele Naturschützer beklagen, dass die Natura2000-Richtlinien im Forstbereich generell bisher kaum umgesetzt wurden. In NÖ liegen keine detaillierten Kartierungen der Naturwaldbestände vor und forstliche Einschläge werden vorher nicht einer Naturverträglichkeitsprüfung unterzogen.

Dass die mangelhafte Umsetzung ins Auge gehen kann, zeigt das Beispiel Bialowieza-Natura 2000 Gebiet in Polen. Nach einer NGO-Beschwerde über die Abholzungen in totholzreichen Altbeständen bei der EU-Kommission wurde im Zuge eines EU-Vertragsverletzungsverfahrens der EUGH eingeschaltet. Der verdonnerte die polnische Regierung dann 2018 zu einem Abholzungs-Stop (andernfalls drohten 100.000 Euro Strafe / Tag). Die Forstmaschinen zogen ab. Die Begründung des EUGH: Es wurde keine hinreichende Naturverträglichkeitsprüfung vor Beginn der Einschläge durchgeführt und die Abholzungen von totholzreichen Beständen (Bäume älter als 100 Jahre) zerstören die Habitate bedrohter Arten. Die forstlichen Eingriffe sind daher mit der Habitat- und der Vogelschutz-Richtlinie nicht vereinbar.

Was heisst das Bialowieza-Urteil für das Kamptal?

Die Behörden in NÖ wissen von der Existenz der Wälder mit „Urwaldcharakter“ im Kamp- und Kremstal. Schließlich wurde das Natura2000-Gebiet ja vor allem deswegen eingerichtet. Sie wissen auch über die sehr wahrscheinliche Präsenz von etlichen streng geschützten Arten (wie etwa totholzbewohnende Käfer, Fledermäuse und Vögel) in dem Natura 2000 Gebiet. Für das Kremstal liegen teilweise recht detaillierte Untersuchungen vor (ÖBF), für das mittlere Kamptal aber nicht. Jeder Eingriff in naturnahen Beständen bedeutet hier daher ein großes rechtliches Risiko…

Nach dem Bialowieza-Urteil ist klar: Fällungen von wertvollen Kern-Flächen (totholzreich, „Urwaldcharakter“, Vorkommen von geschützten Arten) sind nicht mit den EU-Natura2000-Richtlinien vereinbar.

Diese Richtlinien basieren auf dem Vorsorgeprinzip und dem Prinzip der Risikovermeidung. Daher müssten folgende Maßnahmen seitens der Behörden durchgeführt werden:
– flächenscharfe Kartierungen der natürlichen Lebensräume in einem guten Erhaltungszustand (=Naturwälder), um Risiken einschätzen zu können;
– Vereinbarungen mit den Grundbesitzern über die Erhaltung der wertvollsten Habitate bzw. zu Natura2000-gerechtem Waldmanagement;
– Naturverträglichkeitsprüfungen (betreffend Waldfachpläne generell bzw. lokaler Einschlagspläne).

Bewahren wir unsere letzten Zauberwälder!

Naturschützer und Wissenschaftler sind daher besorgt über die Zukunft der Kamptalwälder. Um den gesetzlichen Verpflichtungen durch Natura 2000 gerecht zu werden, müssten die Schutzgüter (Lebensräume und Arten) von Experten flächenscharf kartiert werden. Und es müssen rasch Lösungen zur Erhaltung der wertvollsten Lebensräume in Zusammenarbeit mit den Grundbesitzern – etwa in Form von Vertragsnaturschutzmaßnahmen mit fairer finanzieller Abgeltung für Nutzungsentgang erarbeitet werden.

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