Naturwälder

Es gibt sie in Österreich fast nicht mehr: Urwälder, die niemals maßgeblich von Menschenhand  beeinflußt wurden. Weniger als ein Prozent unserer Wälder sind noch in einem sehr naturnahen Zustand und können sich frei von Eingriffen durch die Menschen entwickeln. Einige dieser bedeutenden, letzten Naturwaldjuwelen finden sich im mittleren Kamptal im südlichen Waldviertel.

Die meisten unserer  noch verbliebenen wilden Wälder haben in den Alpen überlebt – dank ihrer schlechten Erreichbarkeit und ihres geringen materiellen Wertes. Am bekanntesten ist der Urwald Rothwald (bei Lunz am See), der größte Urwald in Mitteleuropa. Hier kann die Schöpfung noch ungestört walten: Bäume dürfen alt werden, Totholz bietet Lebensraum und Nahrung für eine große Vielfalt an Lebewesen, seltene Arten finden letzte Überlebensräume…

Außerhalb der Alpen gibt es hingegen nur mehr sehr wenige dieser uralten, märchenhaften Waldgebiete. Die bedeutendsten Naturwald-Standorte im Norden Österreichs befinden sich im mittleren Kamptal, im Kremstal und im Thayatal. Letzteres steht teilweise als Nationalpark unter umfassendem Schutz.
Die wertvollen Wälder im mittleren Kamp- und im Kremstal sind seit 1998 zwar Teil eines Natura 2000-Gebietes, dauerhaft gesichert sind sie aber bish heute (überwiegend) nicht.

Wertvollste Naturwälder im Waldviertel
Wilder Buchen- und Eichenwald im mittleren Kamptal: Wälder dieser Qualität muss man in Europa schon fast mit der Lupe suchen…
Zauberwälder und Natura 2000…

Das EU-weite Natura 2000 Schutzprogramm will Nutzung und Schutz unter einen Hut bringen. Es verpflichtet die Mitgliedsstaaten dazu, wertvolle Lebensräume und bedrohte Arten zu bewahren bzw. ihren Erhaltungszustand zu verbessern.
Dies bedeutet nicht automatisch, dass diese Schutzgebiete nicht mehr wirtschaftlich genutzt werden dürfen. Das hängt von den jeweiligen Schutzszielen ab. Wenn diese bestimmte Erhaltungsmaßnahmen erfordern, müssen den Grundbesitzern  für den Ertragsentgang abgegolten werden.
Sollte ein Risiko besteht, dass Nutzungen zu Verschlechterungen für die gelisteten Tiere, Pflanzen oder Lebensräumen führen, muss eine „Naturverträglichkeitsprüfung“ erfolgen. Dabei wird untersucht, ob die Nutzungen zulässig und damit für die Arten unproblematisch sind, oder ob die geplanten Eingriffe abgeändert oder untersagt werden müssen.

Ein wichtiges Instrument, um Klarheit über Nutzungen und notwendigen. Schutzmaßnahmen zu schaffen, sind Managementpläne. Darin sollten die geschützten Arten und Lebensräume in ihren Ansprüchen beschrieben und im Schutzgebiet verortet werden. Eine Maßnahmenplanung zu ihrem Erhalt bzw. zur Verbesserung ihres Vorkommens ist ebenso vorgesehen. So wissen die Grundeigentümer Bescheid, ob Nutzungen mit den Schutzzielen vereinbar sind oder nicht. Das trägt auch zur Vermeidung von Konflikten bei.

Soweit die Theorie. Für das Natura 2000-Gebiet „Kamp- und Kremstal“ (wie auch für die meisten anderen dieser Europaschutzgebiete in NÖ) gibt es aber keinen detaillierten Managementplan – obwohl die Schutzgebiete seit 20 Jahren existieren. Das führt zu  Unklarheiten und Befürchtungen bei vielen Grundbesitzern, die auch schlechte Information durch die Behörden beklagen. „Natura 2000“ ist zum polarisierenden Reizwort geworden. Besonders groß sind die Unsicherheiten im Forstsektor: mangels detailierter Kartierungen von geschützten Wald-Lebensräumen und von Vorkommen gelisteter Arten ist die Umsetzung der Schutzziele von Natura 2000 de facto kaum möglich. Im Bereich Forstwirtschaft wurden in Niederösterreich bis dato außerdem keine Naturverträglichkeitsprüfungen durchgeführt…

Urwaldeindrücke im Kamptal
Fantastische Wildnis: ursprünglicher Lindenmischwald mit extrem seltener Wildbirne.

Im mittleren Kamp- und Kremstal wachsen noch veritable Zauberwälder: alte Eichen-, Buchen- und Linden-Ahorn-Schluchtwälder, die alle ein wenig aussehen wie in einem Fantasyfilm. Laut Natura 2000 Datenblatt weisen sie teilweise sogar „Urwaldcharakter“ auf – eine absolute Rarität in Österreich. Manche der ehrwürdigen Buchen-, Eichen-, Ahorn- oder Tannen-Individuen sind mehrere Jahrhunderte alt. Diese Wälder sind ungleichaltrig aufgebaut und bestehen aus unterschiedlichen, an die jeweiligen Standorte angepasste Baumarten.

Liegendes und stehendes Totholz sorgt für eine außergewöhnliche große Artenvielfalt. Im Kamptal leben viele (seltene) Totholzkäfer, Fledermäuse, Käuze oder Spechte.

Auch die Böden sind voller Leben und speichern große Mengen Kohlenstoff. Die Wurzel-Pilz-Netzwerke im Boden sind intakt. Diese naturnahen Wälder weisen daher eine sehr hohe ökologische Beständigkeit bzw. Anpassungsfähigkeit auf.

Die Hangwälder im Kamp- und Kremstal geben einen Eindruck davon, wie große Teile des Waldviertels wohl ausgesehen haben, bevor die Wälder gerodet und durch Felder, Wiesen bzw. Nadelholz-Aufforstungen ersetzt wurden…

„Schlucht-Hangwald“ im Kamptal: diese sehr seltenen Lebensräume mit Linden, Ahorn und Tannen sind in der EU (theoretisch) „prioritär“ geschützt…

Wo sich diese besonders wertvollen Zauberwälder befinden, ist aber derzeit nicht genau bekannt. Und welche Tiere und Pflanzen und in welcher Dichte dort Lebensraum und Heimat finden, lässt sich nur erahnen. Es wurde nämlich noch keine ausreichend detaillierte Kartierung erstellt. Ein vager „Managementplan“ verweist darauf, dass mit den Grundbesitzern Lösungen in Form von „Vertragsnaturschutzmaßnahmen“ auszuarbeiten seien. Doch das ist bisher nur zu einem sehr geringen Teil geschehen. Mögliche Einschläge sind daher eine beständig drohende  Gefahr für diese sehr wertvollen Wälder.

2015 wurde ein sehr alter Buchen- und Lindenmischwald im mittleren Kamptal einfach abgeholzt: auf einer Fläche von zwei Hektar wurden alle größeren Bäume „geräumt“, darunter jahrhundertealte Methusalems.

Es braucht daher dringend genaue Kartierungen und tragfähige Vereinbarungen mit den Grundbesitzern (und das nicht nur im Kamptal).

Da diese Lösungen aber nach wie vor auf sich warten lassen, sind Konflikte zu befürchten. Wenn keine Naturverträglichkeitsprüfungen durchgeführt werden, so entsteht ein rechtlich unklarer Zustand. Am Ende könnte es zu Klagen und EU-Beschwerden kommen…

Bewahren wir unsere letzten Zauberwälder!

Naturschützer und Wissenschaftler sind daher sehr beunruhigt. Sie drängen die NÖ Landesregierung dazu, endlich aktiv zu werden: Um den gesetzlichen Verpflichtungen durch Natura 2000 gerecht zu werden, müssen die Schutzgüter (Lebensräume und Arten) von Experten identifiziert und exakt kartiert werden. Und es müssen rasch Lösungen in Zusammenarbeit mit den Grundbesitzern – etwa in Form von Vertragsnaturschutzmaßnahmen und Schutzzonen für die wertvollsten Natur-Lebensräume (natürlich mit finanzieller Abgeltung) erarbeitet werden. Dies ist ja auch laut dem sogenannten „Managementplan“ der NÖ Landesregierung ohnehin längst überfällig…

Bewahren wir diese einmaligen Wälder für unsere Nachwelt und die Mitgeschöpfe in der Natur! 

Unberührter Eichenwald im Kamptal: in Österreich so gut wie ausgestorben…
Nach dem Kahlhieb (2016): hier stand  kurz zuvor ein sehr alter Buchen- und Lindenmischwald
Vor dem Kahlhieb (2014): Uraltbuche in einem märchenhaften Naturwald.
Landschaftliches Kleinod: Kenner lieben die Ruhe und Wildheit. Naturtourismus könnte die Region wirtschaftlich beleben – wenn die Natur unversehrt bleibt.
Wild-romantisches Kamptal: fantastische Naturwälder, unverbauter Fluss, keine Straße… Müssen wir wirklich jeden Flecken ausbeuten – oder schaffen wir es, zumindest die letzten, kleinen, wilden Ecken zu erhalten?