Chronologie

Der mittlere Kamp und die Kraftwerke. Ein historischer Überblick

Seit dem Mittelalter wird die Wasserkraft am Kamp über die vielen Mühlen und Wehre genutzt. Diese kleinen Bauwerke haben sich in der Kulturlandschaft eingefügt und Energie lokal zur Verfügung gestellt. Im 20. Jahrhundert hat sich die Energiewirtschaft stark gewandelt.

1907: Der Mittellauf des Kamps zwischen Zwettl und Rosenburg liegt in einem engen, gewundenen und mindestens 100 m tief in die Hochfläche des Waldviertels eingesenkten Waldtal. Der große und gefällereiche Fluss sowie sein dünn besiedeltes Tal boten ideale Voraussetzungen zum Kraftwerksbau. So wurde bereits 1907 an dem Talmäander des Umlaufberges bei Rosenburg durch die Stadt Horn ein Laufkraftwerk gebaut, welches heute von der niederösterreichischen Landesgesellschaft EVN betrieben wird.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden die  Stauseen Thurnberg, Dobra und Ottenstein errichtet. Als „Kaprun des Waldviertels“ symbolisieren sie die Zeit des Wiederaufbaus und des wenig reflektierten Glaubens an den technischen Fortschritt. Natur und Landschaft schienen damals noch unerschöpflich, doch war vom Mittellauf jetzt nur noch ein Drittel als ursprünglicher Fluss übrig. Das in den 1970er Jahren erwachte Umweltbewusstsein lenkte die Aufmerksamkeit auch auf die schrumpfenden Naturräume.

1980: Als auch diesem Rest des mittleren Kamptals die Überflutung durch zwei geplante Stauspeicher drohte, formierte sich Widerstand. Weitblickende Bürger von Gars, vom Gemeindearzt und seiner Frau über den Kajakclub bis zum Besitzer von Schloss Buchberg erkannten die Bedeutung der betroffenen Tallandschaft, deren Naturnähe inzwischen Seltenheitswert erlangt hatte. Und sie bekamen immer mehr Unterstützung aus nah und fern, bis 1983 die Ausbaupläne von Landeshauptmann Ludwig gestoppt wurden. Zwischen dem Volksentscheid für den sicher gebliebenen Atomreaktor Zwentendorf und die durch die Massenbesetzung der Kraftwerksbaustelle Hainburg eingeleitete Gründung des Nationalparks Donauauen war die Rettung des mittleren Kamptals ein weiteres Lebenszeichen eines vorwärtsgewandten demokratischen und ökologischen Bewusstseins.

KRONE Kamp 1980
Faksimile: Kronenzeitung im Jahr 1980
Faksimilie: Kampagne der Kronenzeitung (Oktober 1980)

2002: Am Umlaufberg gab es für die ausgeleitete 3 km lange Flussstrecke ursprünglich kein Restwasser, mit der Zeit entstanden aber undichte Stellen beim Wehr. Das große Hochwasser 2002 brach einen seitlichen Damm und spülte den Stauraum frei, was die verheerende Schlammfracht im unteren Kamptal nochmals erhöhte. Ein Jahr lang floss der Kamp wieder in seinem alten Bett, bis der Schaden repariert war. Jetzt gibt es wenigstens einen Fischaufsieg, der 200 l/sec durchfließen lässt.

2011: Erste Gerüchte über den beabsichtigten Bau eines größeren Kraftwerks Rosenburg sickerten durch. Anlass war die von der Wasserrahmenrichtlinie vorgeschriebene Erhöhung der Restwassermenge unterhalb der Wehranlge ab dem Jahr 2016. Den Verlust an Triebwasser möchte der Betreiber durch eine größere Fallhöhe mehr als wettmachen. Offiziell wurde dieses Vorhaben beharrlich dementiert, man sprach noch im Herbst 2014 von bloßen Überlegungen für den Fall, dass vielleicht einmal eine der alten Turbinen bricht. Die Resolution und Petition des Naturschutzbundes „Kein Neubau des Kraftwerks Rosenburg“ wurde damals als bar jeder Grundlage hingestellt. Auch Beamte und Politiker zogen sich auf die formale Behauptung zurück, es gäbe kein Projekt.

2015: Erst im Juni dieses Jahres wurde die Bevölkerung von der EVN zu einer Informations-Ausstellung nach Rosenburg eingeladen. Man darf davon ausgehen, dass die Pläne seit langem mit den Genehmigungsbehörden abgestimmt sind: das Land NÖ ist ja Eigentümer der EVN und Genehmigungsinstanz gleichzeitig – eigentlich eine unvereinbare Doppelrolle. Dennoch wurden mehrere Varianten präsentiert: Gegenüber einer „ökonomisch optimierten“ Maximalvariante (wohl als taktisches Schreckgespenst gedacht) soll eine als „ökologisch optimiert“ bezeichnete Variante als moderater Kompromiss erscheinen. An der „Öko“-Variante ist aber nicht viel „ökologisches“ zu erkennen. Obwohl eine neue, höhere Sperre, der Abriss und Neubau des Gebäudes und die Ausbaggerung des Unterwassers vorgesehen ist, wird noch immer von einer „Revitalisierung“ gesprochen.

Wir sagen: Den Verlust von mindestens 1,5 km eines naturbelassenen Flussheiligtums und die Verwüstung durch Erschließungs-Straßen zu den Baustellen als „ökologisch optimiert“ zu bezeichnen, ist manipulativ und daher nicht akzeptabel.

 

Mitten im Europaschutzgebiet: Bis an diesen stillen Ort würde der vergrößerte Stauraum nach der sogenannten "ökonomischen" Planungs-Variante reichen...
Mitten im Europaschutzgebiet: Fast bis an diesen stillen Ort würde der vergrößerte Stauraum nach der sogenannten „ökologischen“ Planungs-Variante reichen…